Ja zum Bundesarbeitsdienst?

Der ‚Zeitzünder’, eine Publikation der Zeit, stellt in einem Interview mit Manfred Weber, dem Vorsitzenden der Jungen Union Bayerns, die Position dieser Organisation zur Zwangsdienstfrage vor: eine allgemeine Dienstpflicht für Männer und Frauen sei der richtige Ausweg aus der Wehrpflichtmisere.

Wir haben zwei Alternativen: Entweder wir führen die Dienstpflicht ein oder wir schaffen Wehrpflicht und Zivildienst ab. Wehrgerechtigkeit ist anders nicht zu erreichen.

Dieses Argument zeugt von einem merkwürdigen, wenn auch in Deutschland weitverbreiteten, Gerechtigkeitsempfinden. Die Wehrpflicht in ihrer jetzigen Form wird nur deshalb als ungerecht empfunden, weil sie nicht alle betrifft. Die Tatsache das der Staat über unbescholtene Bürger verfügt, wie ein Feudalherr über seine Leibeigenen stört nicht weiter. Nach dieser Logik wäre auch das Ausreiseverbot der DDR inklusive Schießbefehl gerecht gewesen –schließlich war diese Regelung allgemeingültig.

Eine gute Erfahrung

Die weiteren Begründungen für eine Neuauflage des Reichsarbeitsdienstes sind nicht weniger abenteuerlich: „Dennoch ist der Dienst junger Menschen an der Gesellschaft sinnvoll. Und viele junge Menschen sehen es heute als persönliche Entwicklungschance, etwas für andere zu tun. Es ergibt ja auch Sinn, früh soziale Verantwortung zu übernehmen. (…) Jeder sollte einmal einen Beitrag für die Gesellschaft leisten müssen, um zu lernen, wie es den Älteren und Schwächeren geht. Und um sich selbst weiterzuentwickeln. Die meisten, die ein Freiwilliges Soziales Jahr geleistet haben, sagen, dass es sie persönlich weiter gebracht hat.

Wenn junge Menschen es als persönliche Entwicklungschance sehen, etwas für andere zu tun, dann ist das natürlich kein Problem, schließlich können sie es ja schon heute tun –ganz ohne Dienstpflicht. Wenn ein solcher Dienst allerdings zur Pflicht wird, dann muß man sich fragen mit welcher Rechtfertigung das geschieht.

Weber befürwortet einen solchen Dienst, weil er ihn für charakterbildend und sinnvoll hält. Das reicht ihm, um zu fordern, daß jeder dazu gebracht werden muß, diese Erfahrung zu durchlaufen, wenn es sein muß mit Gewalt. Allgemein formuliert wird hier gefordert, daß ein übergeordneter Entscheidungsträger die Macht haben soll, zu entscheiden, wie Individuen sich zu entwickeln haben und welche Tätigkeiten sie persönlich als sinnvoll akzeptieren müssen.

Dieses Kriterium kann zu merkwürdigen Schlussfolgerungen führen. Es soll Menschen geben, die der Meinung sind, daß LSD bewustseinserweiternd wirkt, und das jeder die Erfahrung eines LSD Rausches durchlaufen sollte. Wenn etwa ein Monarch oder eine Partei mit dieser Einstellung an die Macht kämen, dann sollten sie, nach dem Manfred Weber Kriterium, berechtigt sein, den LSD Konsum allgemeinverbindlich zu machen und widerspenstige Untertanen wegen exzessiver Nüchternheit zu belangen. So weit muß man jedoch nicht gehen, um zu sehen warum die obige Argumentation grundsätzlich problematisch ist.

Was Weber hier fordert, ist nicht weniger als ein Erziehungsauftrag des Staates gegenüber mündigen Bürgern. Die Tragweite dieser Forderung ist immens, denn schließlich impliziert sie, daß junge volljährige Menschen nicht in der Lage sind, unabhängig zu entscheiden wie sich weiterentwickeln und wofür sie Verantwortung übernehmen wollen. Den Betroffenen wird ihre Mündigkeit somit schlichtweg abgesprochen indem sie als Menschen dem Befehl einer autoritären Elite von Entscheidungsträgern untergeordnet werden.

Was am Ende dieser Denkweise steht, ist die Frage nach einer totalitären oder freiheitlichen Gesellschaftsordnung. In einer freien Gesellschaft setzen die Rechte des Bürgers der Macht des Staates Grenzen, in einer totalitären Gesellschaft, kann der Machthaber nach eigenem Ermessen über seine Bürger verfügen. Persönliche Freiheit ist dann das was bleibt, wenn der Staat seinen Machthunger gestillt hat.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: