Das Elend des historischen Analphabetismus

Unter dem apokalyptischen Titel “Rückkehr nach Weimar“ verteidigt Tillman Fichter den Fortbestand der Wehrpflicht. Nach Aussagen Fichters kam der Vorstoß gegen den Fortbestand der Wehrpflicht denn auch nicht aus den linken oder rechten Reihen der Parteielite, sondern ging von den „hedonistisch gesinnten grün-rot Sozialisten“ aus. Wenn Fichters Darstellung so stimmt, wirft sie natürlich allgemeine Fragen auf, die vor allem für potentielle SPD Wähler interessant sind –nicht zuletzt die nach der Regierungsfähigkeit einer Partei deren Führung sich durch eine nicht repräsentative Gruppe pubertierender Hedonisten manipulieren läßt.

Was in diesem Blog von Interesse ist, ist natürlich nicht der Zustand einer sozialistischen Partei sondern die hanebüchene Argumentation zum Thema Wehrpflicht. Was Fichter in Angst und Schrecken versetzt, ist nicht nur das Schreckgespenst einer Berufsarmee sondern auch die mögliche Personalstärke von 100 000 die es in der Weimarer Republik ja auch schon gab.

Die Behauptung, daß eine Berufsarmee zum Staat im Staate werden müsse, ist natürlich nichts Neues; sie ist leicht zu widerlegen und ist oft genug widerlegt worden (siehe hier für einen Beitrag in diesem Blog).

Ungewöhnlich, und inkompetent, ist zudem nicht nur die abergläubische Obsession mit der Unglückszahl 100 000 sondern auch die Behauptung, die Wehrform der Weimarer Republik sei für das Ende der Demokratie verantwortlich:

Nach den Erfahrungen der Deutschen mit der „100 000-Mann-Berufsarmee“ in den Weimarer Zwischenkriegsjahren ein perfekter Albtraum. Eine historische Erkenntnis, die bei unseren oftmals geschichtslosen Jungpolitikern offenbar unbekannt ist. Deshalb müsste eigentlich die eben vom Parteivorstand der SPD initiierte Führungsakademie schleunigst ein Geschichtsseminar über das Ende der Weimarer Republik anbieten.

Das Ende der Weimarer Republik kam bekanntlich nicht durch einen Militärputsch sondern durch den Wahlsieg einer Parteienkoalition unter Führung der NSDAP. Bei der Etablierung des Hitlerregimes und der Wiedereinführung der Wehrpflicht unterstand die Reichswehr der Kontrolle einer Zivilregierung.

Dieser Argumentationsfehler zeigt jedoch wenig mehr, als daß man mangelnde Geschichtskenntnisse nicht durch Geschichtsbewußtsein kompensieren kann. Wirklichkeits- und zukunftsrelevanter ist die Aussage die Wehrpflicht sei „ein „institutioneller Garant“ für eine bundesrepublikanische „(Militär-)Kultur der Zurückhaltung in internationalen Einsätzen der Bundeswehr“. Dieses gesamtdeutsche Markenzeichen einer wehrfähigen Friedfertigkeit gelte es unter „allen Umständen zu erhalten“.

Wie diese Formulierung zu interpretieren ist, wird später deutlich, wenn Fichter sagt die geplante Reform der Wehrpflicht blende „auch die jüngsten Erfahrungen mit den Berufsarmeen der USA und Großbritanniens im Irak aus. Mit einer Wehrpflichtarmee hätte übrigens die nordamerikanische Präsidentenfamilie Bush wahrscheinlich nicht zweimal in den Irak einmarschieren können.

Man muß sich Fragen, warum Fichter hier spekuliert, was mit einer Wehrpflichtigenarmee hätte passieren können, wenn er doch die Möglichkeit hat, sich an Tatsachen zu orientieren. Die Behauptung, daß Auslandsinterventionen mit der Wehrpflicht inkompatibel seien ist zunächst einmal empirisch falsch [1]. Polen hat sich z.B. trotz Wehrpflicht am zweiten Irak Feldzug beteiligt während Frankreich sich vor Aussetzung der Wehrpflicht am ersten Irak Feldzug beteiligte und dann die Teilnahme am folgenden Irak Krieg verweigerte. Was hier ausschlaggebend war, waren die politischen Präferenzen der Zivilregierung, nicht die Wehrform.

Plausibler ist es allerdings, davon auszugehen, daß militärische Abenteuer mit einer Freiwilligenarmee unwahrscheinlicher wären. Eine Berufsarmee, die sich zu häufig in unsinnige Interventionen verstrickt, wird bald unter Personalknappheit leiden. Wenn sie sich außerdem auf freiwillige finanzielle Beiträge verlassen müßte, würden viele Einsätze wohl kaum noch durchfürbar sein. Allgemein formuliert lassen sich Resourcen aller art leichter verschwenden, wenn sie sich nach Bedarf beschlagnahmen lassen.

Von dieser Überlegung unabhängig ist die Frage, ob und wann Interventionen abzulehnen sind. Der Begriff der „wehrfähigen Friedfertigkeit“ suggeriert den ausschließlichen Einsatz des Militärs zur Selbstverteidigung, oder allenfalls zur Bündnisverteidigung. Dieser Grundsatz mag oft angemessen sein. Wenn er aber „unter allen Umständen“ gilt, dann würden auch dringend benötigte humanistische Interventionen von vornherein ausgeschlossen. Das Nichteingreifen in Bosnien und Ruanda wäre nach diesem Grundsatz kein Fehler, sondern ein wünschenswertes Ergebnis. Man kann nur hoffen, das Fichter sich in diesem Punkt etwas unklar ausgedrückt hat.

Tillman Fichters Bekenntnis zur Wehrpflicht beruht also auf historischen Mißverständnissen, und haltlosen Spekulationen zur politischen Gegenwart. Wenn das die beste Verteidigung der Wehrpflicht ist, die die ewig gestrigen Anhänger dieser überflüssigen Institution zu stande bringen, dann kann es jenseits der staatlichen Gewalt kaum noch einen Rückhalt für diesen Zwangsdienst geben.

[1] Genau genommen ist es natürlich möglich, daß sich Fichter hier ausschließlich auf die Irak-Kriege unter Bush (I&II) beziehen wollte. In dem Fall wäre diese Bemerkung im Bezug auf die Bundeswehr und damit im Zusammenhang seines Kommentars völlig irrelevant.

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