Schicksalsgemeinschaft oder freie Gesellschaft?

Befürworter der Wehrpflicht behaupten immer wieder, der militärische Zwangsdienst sei notwendig, um die Armee in die Zivilgesellschaft zu integrieren. Zu diesen Zwangsdienstapologeten gehört auch Karl Feldmeyer, der 1993 in der FAZ [1] schrieb:

Noch wichtiger als die Auswirkungen, die der Verzicht auf die Wehrpflicht in der Bundeswehr selbst hätte, wären die Folgen für das Verhältnis der Bürger zu ihrem Staat. Wer die Wehrpflicht nur als eine Last begreift, übersieht, daß sie in der repräsentativen Demokratie die einzige verfassungsmäßig gesicherte direkte Mitwirkung der Bürger am konkreten Handeln ihres Staates ist. Das begründet ihre Identifikation mit dem Ganzen ebenso, wie es das Handeln des Staates in existentiell entscheidenden Situationen an die Unterstützung seines Volkes bindet. Die wirkliche Bedeutung der Wehrpflicht ist es, die das Verhältnis von Bürger und Staat prägt. Ob dies in der nun anhebenden Diskussion erkannt und berücksichtigt wird, erscheint eher fraglich. Wer den Fortschritt darin sieht, daß der Nationalstaat von der Schicksalsgemeinschaft zu einer Dienstleistungsorganisation wird, kann der Wehrpflicht nichts abgewinnen.

Der Einwand, die Wehrpflicht sei wichtig, da sie das direkte Mitwirken des Bürgers am Staatsgeschehen garantiere ist leicht widerlegt. Erstens hat der einzelne Bürger keine realistische Möglichkeit, die Staatsraison durch sein Verhalten während des Wehrdienstes zu beeinflussen. Zweitens ließe sich die Möglichkeit zum Dienst in der Bundeswehr auch durch ein einfaches Teilnahmerecht garantieren. Es gibt keinen Grund, warum die Ausübung dieses Rechtes dann zur Pflicht werden müßte.

Vielsagender ist allerdings die Aussage: „Wer den Fortschritt darin sieht, daß der Nationalstaat von der Schicksalsgemeinschaft zu einer Dienstleistungsorganisation wird, kann der Wehrpflicht nichts abgewinnen.“ Dieser Satz sagt sehr viel über die, in den Deutschen Eliten verbreitete, emotionale Bindung an die Wehrpflicht aus. Wir sollten uns zunächst fragen, wodurch sich gesellschaftlicher Fortschritt bislang ausgezeichnet hat.

Die typische Schicksalsgemeinschaft ist die vorzivilisatorische Stammesgemeinschaft: die Gruppe von Jägern und Sammlern, die gemeinsam in einer Höhle ausharrt, die selbstversorgende Bauerngemeinde, die von Hand einen geminsamen Acker bestellt, und hofft vom Ertrag den nächsten Winter zu überleben.

In dem Maße, in dem sich die Gesellschaft weiter entwickelt, können ihre Mitglieder sich gegen Natureinflüsse schützen, und erreichen größeren Wohlstand durch Arbeitsteilung. Im Rahmen dieser Arbeitsteilung bilden sich spezialisierte Wirtschaftssektoren heraus, einige von ihnen in der Dienstleistung, andere in der Güterproduktion. Sollte der Staat von diesem Wandlungsprozeß ausgenommen sein?

Tatsache ist, daß der Staat in vielen Bereichen immer mehr zur Dienstleistungsorganisation geworden ist und sich aus anderen Tätigkeitsbereichen zurückgezogen hat. In einigen Fällen hat er dadurch zur Wohlstandsmehrung durch Arbeitsteilung beigetragen. Der einzelne Bürger gewinnt in dem Maße, indem der Staat von einer allumfassenden Machtinstanz zur Dienstleistungsorganisation wird an persönlicher Freiheit.

In diesem Sinne handelt es sich also um sozialen Fortschritt. Der Angehörige einer Schicksalsgemeinschaft muß sich in der Regel dem Kollektiv unterordnen. Die Existenz im Kollektiv wird damit zu einem Prozess optimaler Anpassung. Ein freier Bürger, dem sowohl der Staat als auch private Unternehmer Dienstleistungen anbieten, hat dagegen mehr Handlungsfreiheit, und kann dementsprechend ein erfüllteres Leben führen.

Ein moderner liberaler Mensch sollte sich also nicht schämen, den Fortschritt darin zu sehen, daß der Nationalstaat von der Schicksalsgemeinschaft zu einer Dienstleistungsorganisation wird; er kann dann auch offen dazu stehen, daß er der Wehrpflicht nichts abgewinnen kann.

[1] Karl Feldmeyer „Die Bundeswehr in Not“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 8 Dezember 1993.

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1 Kommentar »

  1. wir brauchen keine nationale Schicksalsgemeinschaft mehr, sondern eine Europrpäische. Unsere Deutsche Macht sollen wir an Brussel und Strasbourg weitergeben;

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