Die Bundeswehr als Spiegel der Gesellschaft?

Einer der am häufigsten genannten Gründe für die Beibehaltung der Wehrpflicht ist die Behauptung, daß eine Freiwilligenarmee die Zusammensetzung der Gesellschaft nicht mehr reflektiere. Stattdessen würden sich in der Bundeswehr künftig nurmehr schießwütige Rambo-Typen einfinden, die in Afghanistan mit Talibanschädeln jonglieren wollen.

An und für sich gibt es natürlich keinen Grund, warum das Personal bestimmter Dienstleistungsbereiche die Zusammensetzung der Gesamtbevölkerung repräsentieren sollte. Niemand erwartet, daß z.B. der typische Schlosser, Buchhalter und Archeologe ein ähnliches Charakterprofil hätten –warum auch? Entscheidend ist also die Annahme, daß eine demographisch repräsentative Personalstruktur auf die ‚Haudegen’, die sonst freiwillig zum Militär gehen würden, zivilisierend wirkt.

Gibt es Gründe für diese Annahme? Es wurde in diesem Blog ausgiebig dargelegt, daß die Einbindung Wehrpflichtiger in die Armee nicht ausreicht, um die demokratische Kontrolle der Streitkräfte in innenpolitischen Konfliktsituationen zu sichern. Könnte es dennoch sein, daß es unterhalb dieser Konfliktschwelle einen zivilisierenden Einfluss seitens der Wehrpflichtigen gibt? Gibt es Gründe einen solchen Einfluss zu erwarten?

Es gibt auf jeden Fall gut dokumentierte Forschungsergebnisse, die das Gegenteil erwarten lassen: zwei in diesem Zusammenhang relevante Studien sind das Milgram Experiment und das Stanford Prison Experiment.

Stanford Prison Experiment [1]

Im Jahre 1971 führte Professor Zimbardo von der Universität Stanford ein Experiment durch, in dem er das Verhalten normaler Menschen in einer Haftsituation erforschen wollte. Für dieses Experiment wurden die Studenten, die sich freiwillig gemeldet hatten, durch Zufallsauswahl in Wärter und Häftlinge eingeteilt.

Beide Gruppen lebten dann ihre Rollen in einem Teil der Universität aus, der für dieses Experiment zum ‚Gefängnis’ umfunktioniert worden war. Nach sechs Tagen wurde das Experiment vorzeitig abgebrochen, weil das Verhalten der Wärter den Häftlingen gegenüber nicht länger akzeptiert werden konnte.

Für die Frage der Wehrpflicht ist dieses Experiment nicht zuletzt wegen der form der Personalauswahl interessant. Die Teilnehmer in Zimbardos Experiment wahren durchweg Studenten. Sie entstammten also dem gebildeten Bürgertum, vermutlich eine jener Gruppen, von denen sich Wehrpflichtanhänger einen zivilisierenden Einfluss auf den militaristischen Pöbel erhoffen. Anders gesagt handelte es sich hier zwar nicht um eine repräsentative Gruppe, aber um eine Positivauswahl, in der die Vorteile der demographischen Mischung verstärkt hätten auftreten sollen.

Das dies nicht der Fall war, zeigt uns wo eine Grenze der Wehrpflicht liegt. Das Stanford Experiment bestätigt die alte Einsicht das Macht korrumpiert, und daß der mäßigende Einfluss der Zivilgesellschaft auch in einer nicht vorbelasteten Gruppe schnell verloren gehen kann. Von denen, die in der Bundeswehr Macht über andere erhalten, werden einige dazu neigen diese Macht zu mißbrauchen –auch dann, wenn die Rekruten aus allen Bevölkerungsschichten kommen.

Das Milgram Experiment [2]

Das Milgram Experiment ist bekannter als das Stanford Experiment und hat bei häufigen Wiederholungen zu ähnlichen Ergebnissen geführt.

In diesem Experiment wurde der Versuchsperson erklärt, sie nehme an einem Experiment teil, in dem festgestellt werden solle, ob die Lernfähigkeit des Menschen durch gezielte Strafen gefördert werden könne. Im Verlauf des Experiments, stellte die als ‚Lehrer’ eingeteilte Versuchsperson einer zweiten Person eine Reihe von Fragen. Diese zweite Person befand sich in einem anderen Raum, von wo sie mit dem ‚Lehrer’ akustisch kommunizieren konnte ohne das Sichtkontakt möglich war.

Bei jeder falsch beantworteten Frage erhielt dieser ‚Schüler’ einen Stromstoß als Strafe, wobei die Intensität der Stromschläge allmählich von 15 bis auf 450 Volt zunahm. Die als ‚Lehrer’ eingeteilte Versuchsperson wußte dabei nicht, das der ‚Schüler’ in Wirklichkeit keine Stromschläge erhielt sondern am Aufbau des Experiments beteiligt war, und schmerzhafte Reaktionen auf die erlittenen Stromstöße nur vortäuschte.

Tatsächlich ging es im Milgram Experiment darum, herauszufinden, wie weit Menschen gehen würden, wenn sie den Befehlen einer Autoritätsperson folgen. Mehr als zwei Drittel der Versuchsteilnehmer gingen dabei bis zur höchsten Stufe, und verabreichten einen potentiell tödlichen Stromschlag von 450 Volt, obwohl das Opfer vor Schmerzen zu schreien schien.

Wichtig ist unter anderem, daß es sich bei den Versuchspersonen um keine Negativauswahl handelte, sondern einfach um jene die sich zur Teilnahme an einer psychologischen Studie gemeldet hatten. Wichtig vor allem, daß viele von ihnen bereit waren, ethisch unvertretbare Befehle zu befolgen, wenn diese von einer anerkannten Autoritätsperson erteilt wurden.

Die Bundeswehr ist nicht nur intern hierarchisch gegliedert, sie maßt sich auch mehr Autorität an als andere staatlichen Organisationen, indem sie unbescholtene Bürger im zur Deckung des Personalbedarfs förmlich beschlagnahmen kann. Dem Wehrpflichtigen stellt sich ein Repräsentant dieser Organisation somit als Autoritätsperson gegenüber, die die Macht und angeblich das Recht hat normalerweise geltende Freiheitsrechte außer Kraft zu setzen.

Das Milgram Experiment lehrt uns, daß man in dieser Situation von der Mehrheit der Rekruten unhinterfragten Gehorsam erwarten sollte. Ein korrigierender Einfluß der Befehlsempfänger auf die sie umgebende Hierarchie ist damit äußerst unwahrscheinlich.

Die Wehrpflicht mag dazu führen, daß die Bundeswehr in ihrer personellen Zusammensetzung der Zivilbevölkerung ähnlich ist. Die Behauptung, daß sich dadurch ein zivilisierender Einfluß sichern läßt, ist allerdings kaum haltbar. Die beiden hier beschriebenen Experimente lassen jedenfalls Anderes erwarten.

Das Stanford Experiment lehrt uns, daß es in einer hierarchisch gegliederten Organisation auch ohne Negativauswahl eine kritische Masse von Menschen geben wird, die ihre Macht mißbrauchen. Das Milgram Experiment zeigt uns das untergebene Wehrpflichtige sich in die Praxis des Machtmißbrauchs auch aktiv einbinden lassen werden.

Die Kontrolle der Macht in der Bundeswehr kann also nur von einer unabhängigen Instanz ausgehen. Die Armee sollte in einem liberalen, demokratischen Staat Teil eines Netzwerks von Institutionen sein, die dem gleichen allgemeinen Recht unterliegen, und in ein System gegenseitiger Kontrolle eingebunden sind. Beim Militär wie in anderen Bereichen des Staates brauchen wir diese ‚checks and balances’ um Machtmißbrauch zu bekämpfen, eine kluge Personalauswahl tut’s nicht.

[1] Das Stanford Prison Experiment inspirierte unter anderem den deutschen Spielfilm „Das Experiment“. Anders als im Spielfilm kam es im wirklichen Experiment zu keinen Todesfällen, und Zimbardo und seine Kollegen waren auch in der Lage das Experiment ohne Kontrollverlust abzubrechen. (Video Link)

[2] Youtube Video hier: http://www.youtube.com/watch?v=JQC5xWFWkE0

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: